• Indische Feiertage, Vol. 16 – „abgeführt“ - der zerstörte Osterfrieden

    An und für sich ist Ostern ja nicht einen so langen Beitrag wert. Aber dieses Jahr war das schon etwas Besonderes. Für Ostersamstag hatte ich mit meiner Nachbarin eine große Party organisiert, um Spendengelder für eine Heim/Schule für Straßenkinder zu sammeln, welche wir seit einiger Zeit unterstützen. Aber auch das wäre nicht unbedingt erzählenswert. Es bildet lediglich die Vorgeschichte zu einer wirklichen unglaublichen Geschichte aus der indischen Provinz.

    Gründonnerstag:
    Einkauf am Kandherao-Market, dem Großmarkt für Obst und Gemüse, Blumen, Körbe, Puja-Krimskrams usw. Ich liebe diesen Markt. Bunt und für mich immer noch etwas exotisch. Es gibt nirgends sonst frischeres Gemüse und größere Auswahl. Da gibt es die ersten Mangos der Saison und die letzten Erdbeeren der Saison. Oder die ersten gelben Karotten, nach einem langen Winter mit roten Karotten. Frisches Zitronengras bekomme ich auch nur da. Und die Blumen (Rosen, Gerbera, Nelken, Orchideen) kosten hier nur ein Viertel der Innenstadtpreise. Der abgeteilte Markt für die „Tempelblumen“ betäubt einen durch seine Farben und den überwältigenden Duft. Man muss sich zwar durch den Rummel rundherum und die Müllhaufen nebst fressenden Kühen und deren Hinterlassenschaften kämpfen, aber es ist immer wieder ein Erlebnis für alle Sinne.
    Blumenverkäufer am Kandherao-Market
    Blumenverkäufer am Kandherao-Market

    Auf diesem Markt entdecke ich auch nach vier Jahren noch Dinge, die ich bisher nicht gekannt habe. Oder von denen ich mir nicht vorstellen konnte, dass es dafür eine Nachfrage gibt. Getrocknete Kuhfladen zum Beispiel. Beutelchen mit ein paar Weizenkörnern, welche man für irgendwelche religiösen Rituale in flachen Schalen aussät. Prima, denke ich, das kann ich auch für Ostern verwenden:
    Osterkater2
    Osterkater

    Auf meinem Einkaufszettel stehen 180 Eier, 30-40 Osterkörbchen, Rotkohl Blaukraut usw. Für die große Osterparty habe ich mich verpflichtet, das „Easter Egg Hunt“ zu organisieren.

    Karfreitag:
    Schon früh morgens wurstele ich in der Küche rum. Die von Rehana frisch gewaschenen Eier werden von mir gekocht und gefärbt. Durch die offene Küchentür schwappen den ganzen Tag die österlichen Gesänge der naheliegenden syrisch-orthodoxen Kirche herüber. Dankbar bemerke ich, dass die Lautsprecher wirklich funktionieren und die Gesänge, welche mich an gregorianische Gesänge erinnern, unverzerrt und in akzeptabler Lautstärke die Nachbarschaft berieseln. Mittags und abends mischt sich in diesen Chor der Gesang der Imame von den fünf umliegenden Moscheen.
    Irgendwie kommt eine richtig friedliche österliche Stimmung auf.... :)

    Gegen Mittags klagt Rehana über leichten Schwindel (es hat mittlerweile schon 40 Grad) und läuft schnell zur gegenüberliegenden Krankenstation. Als sie nach 15 Minuten nicht zurück ist, schaue ich nach – und da sitzt sie kreidebleich und der Doktor schaut ernst auf das Blutdruckmessgerät: 210! Und sie berichtet, dass sie das schön öfter hatte, aber es ging ja immer gleich vorbei. Da gibt es nur eins: Sofort ins Krankenhaus zur Überwachung. Die erste EKG-Untersuchung zeigt, dass evtl. bereits eine Vergrößerung des Herzmuskels möglich ist. Also wird auch gegen ihren Protest die ganze Untersuchungsreihe angeordnet. Auch gegen ihren Willen spreche ich ein Arbeitsverbot aus. Erst wenn alles abgeklärt ist und ihr Blutdruck medikamentös eingestellt ist, darf sie wieder kommen.

    Leicht besorgt schnipple ich am Nachmittag das Blaukraut. Am Abend berichtet sie am Telefon, es ginge bereits besser.

    Ostersamstag: Die Party
    Großkampftag in der Küche. Es gibt einiges zu tun für die abendliche Party. Vollkornbrot und Käsekuchen mit Mangos backen. Blaukraut kochen. Khir kochen. Kassler mit Senfkruste backen. Dann noch die ganzen Eier im Garten verstecken. Das macht mir und vor allem den hiesigen Helfern, welche diesen Brauch bisher nicht kannten, großen Spaß. :p

    Die syrisch-orthodoxen singen wieder den ganzen Tag. Grünes Gras und bunte Eier – ja es ist Ostern! Meine österlich-friedliche Stimmung steigt. :D

    Ich werde rechtzeitig mit allem fertig und schaffe meinen Beitrag zum Büffet zu meiner Nachbarin Karen aus Kanada, wo die abendliche Party steigt. Yusuf schicke ich noch los zu Freunden in der Innenstadt, wo er etwas abliefern soll. Dann sollte er Feierabend machen. Tja, sollte er. Aber dazu später mehr....

    Für die Party haben sich 40 Leute angesagt, etwa 2/3 Expats, der Rest indische Freunde und NRIs (Non-Resident-Indians). Die Stimmung ist gut, der Welcome-Drink (Sekt-Cocktail) schmeckt, und die Bar ist gut bestückt, da wir in den letzten Tagen alle Liquor-Permits reichlich genutzt haben.

    Einige Nachzügler berichten mir von einem Riesenstau in der Innenstadt, und angeblich soll auch mein Auto in einen kleinen Unfall verwickelt sein, wodurch dieser Stau ausgelöst wurde. Na ja, dachte ich mir, das Auto ist ja versichert, und so lange es nur Blechschaden ist, wird Yusuf das schon irgendwie klären bzw. anrufen, wenn etwas nicht in Ordnung sei. Dachte ich mir.... Zunächst.....

    Das Essen war klasse (das meiste von Expat-Frauen gekocht). Es gab sogar Rindfleisch und gefüllten Truthahn. Das Erdbeer-Dessert und der Karottenkuchen machten schließlich jedem Diätgedanken den Garaus. Die Party hat ihren Höhepunkt schon überschritten, als Yusuf anrief und berichtete, dass er einen Unfall hatte und jetzt auf der Polizei sei. Plötzlich ist die Verbindung unterbrochen und ich kann ihn nicht mehr erreichen, da sein Handy abgeschaltet ist. Jetzt werde ich doch etwas unruhig und frage meinen Nachbarn Vineet, ob er mich zur Polizei begleiten könnte, um zu klären was evtl. zu klären sein.
    Gott sei Dank war Vineet dabei, der übersetzen und die Lage richtig einschätzen konnte.

    Denn was dann folgte, hat mich in ohnmächtige Wut versetzt. XX( Es war ein Lehrstück über „wie funktioniert Macht in Gujarat“. Mein österlicher Friede war auf jeden Fall hin.

    Nebenbei habe ich auch noch viel über das „Rechtssystem“ in Indien und die Hierarchie innerhalb der Polizei gelernt. Aber eins nach dem anderen....

    Ostersamstag: „Wie durch die Mücke ...“ (=der kleine Kratzer)
    Also nochmal von vorne: Yusuf war in der Innenstadt und hat wie beauftragt die Sachen abgeliefert. Samstagabend gegen halb Acht ist immer mächtig viel los. Auf dem Rückweg in der stark befahrenen Old Padra Road kam es dann aufgrund einer Baustelle, welche vor einem Kreisverkehr zu einer Engstelle führte zu dem Zwischenfall. Er als vorfahrtberechtigter Fahrer wurde von einem Corolla mit MH-Kennzeichen (Maharashtra) geschnitten. Dabei verhakelten sich die beiden Fahrzeuge und der vorwitzige Corolla hat dadurch einen kleinen Kratzer davongetragen. Soweit keine große Affäre, sowas passiert hier ja fast täglich und wird meist ignoriert.

    Yusuf ist jetzt seit 4 Jahren mein Fahrer und hatte noch nie einen Unfall, keinen Hund überfahren o.ä., wollte das aber ordnungsgemäß klären. Dazu hat er das Fenster runter gekurbelt (ein Fehler!) woraufhin der ältere Corollafahrer lautschreiend durch das offene Fenster griff und blitzschnell den Schlüssel von meinem Auto abzog und einbehielt. Yusuf wollte ihn zur Vernunft bringen und forderte den Schlüssel zurück, damit er zur Seite fahren konnte, um die Sache zu klären. Aber das wollte der gegnerische Fahrer nicht zulassen. Zunächst wollte er sofort 2.000 Rs. cash auf die Hand, um den Schaden reparieren zu können (eine vollkommen überzogene Forderung). Dann wollte er noch weitere 2.000 Rs., weil er sich ja für 2 Tage einen Leihwagen nehmen müsse. Klar, dass Yusuf dies verweigerte, und ihn aufforderte, das doch dann offiziell klären zu lassen. Dazu also richtigerweise bei der Polizei einen „case“ aufnehmen zu lassen. Daraufhin klärte der mahratische Teufel Yusuf auf, das er schließlich aus Bombay komme und sich auskenne. Und da habe er als Provinzler ihm gar nix zu sagen. :crazy:

    Mittlerweile hat die Auseinandersetzung zu einem nicht unerheblichen Stau geführt. Mehrere Unbeteiligte haben auf den überheblichen Großstädter eingeredet, er solle doch den Schlüssel rausrücken, damit die Straße frei gemacht werden kann. Es war aber nix zu machen. Schließlich hat Yusuf die Polizei über Handy angerufen. Die kam dann auch ca. 15 min später und endlich war der Schlüssel wieder beim rechtmäßigen Fahrer und die Straße frei.

    Der anwesende Polizist, ein PC (Police Constable), macht also seinen Job. Befragt die Unfallbeteiligten. Befragt den betagten Bombay-Wallah, ob der denn nun Anzeige erheben möchte. Ja, und dann plötzlich wollte er nicht mehr. Also mit Polizei, also nein. Ist ja alles gar nicht so schlimm. Dafür brauche man doch keinen „case“ (also eine Anzeige). Und weg war er. :wave:

    Also, alles klar. „Fall“ geklärt. Es ist Ostern. Friede, Freude, Eiersuchen. Könnte man denken. Tja, könnte.... :**:

    Aber das Schicksal hat es an diesem Tag nicht gut gemeint für Yusuf. Und das Schicksal trat in sein Leben in Form des CP (Commissioner of Police) Rakesh Asthana, also dem für seinen Amtsmissbrauch bekannten Polizeichef von Baroda. Es trat natürlich nicht persönlich in Erscheinung, sondern in Form der zahlreichen ihm unterstellten Abhängigen.

    Berühmt wurde Asthana bereits durch seine Rolle zur Untersuchung des Überfalls in Godhra 2002, wo er Untersuchungen leitete. Die zu dem Überfall eingesetzte Banerjee-Kommission zeigt 2004 viele Beispiele, wie die Untersuchung seinerzeit manipuliert wurde und dass dieser Überfall vielleicht ein Unfall war. Journalisten von Tehelka haben bereits 2007 dazu schockierende Wahrheiten offengelegt. Aber der 2008 vorgelegte Bericht der Nanavati-Shah-Kommission, welche sich ausschließlich auf die manipulierten Polizeiberichte und gekauften Zeugenaussagen gründet, belegt das Gegenteil. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird nicht mehr aufgeklärt werden, was wirklich geschah.

    OK. Ich schweife etwas vom Thema ab. Aber das sollte nur zeigen, dass Asthana, ein langjähriger treuer Anhänger der Modi-Regierung in Gujarat, weiß wie Macht eingesetzt wird. Und er ein richtiges Kaliber in Gujarat ist, mit dem man sich besser nicht anlegt.

    Aber dazu mehr in Teil 2 vom Ostersamstag ...

    Ostersamstag: „..der mächtige Elefant in Bewegung kam“ (Commissioner of Police)
    Nun kann man sich ja vorstellen, wie lange ein Stau wird, wenn beim samstäglichen Abendverkehr die Hauptstraße mehr als 20 min total blockierte wird. Angeblich reichte der Stau ca. 2-3 km zurück bis zum Bahnhof.

    Der Stau beginnt sich also langsam aufzulösen, nachdem der Fall als Nicht-Fall identifiziert wurde und alle sich einig waren. Der Police Constable und Yusuf waren gerade am wegfahren, als sie von einem anderen Polizeifahrzeug aufgehalten wurden. Mit N.C. Patel höchstpersönlich, dem ACP (Assistant Commissioner of Police oder so ähnlich) der Verkehrspolizei (Traffic Department), also einem hochrangigen Polizisten, der von Asthana höchstpersönlich einen Auftrag hatte.

    Wie kam das?
    Also, hier die Schilderungen, wie ich sie im Laufe der Samstagnacht und am Sonntag/Montag stückchenweise erfahren habe:
    Rakesh Asthana war am Samstagabend unterwegs zu einer Hochzeit. Mit seiner Frau im Auto. Und schon spät dran. Zu einer hochrangingen Hochzeit sollte es gehen. Und dann kam er in den Stau, ausgelöst durch den Rechthaber aus Bombay. Dieser Stau sorgte für nicht unerhebliches Ungemach beim CP. Also richtig ungehalten wurde er. Und dann hat er halt seine Macht eingesetzt, um seinen Ärger loszuwerden. Rief im Control Room der Verkehrspolizei an und fragte nach dem Grund für den Stau. Da wusste noch keiner etwas davon. Staus sind am Samstagabend eher normal. Noch dazu derzeit viele Baustellen in der Stadt sind. Asthana also hat den höchsten Diensthabenden, ACP N.C. Patel also, angewiesen, sich sofort um die Sache zu kümmern und die Stauverursacher umgehend zu verhaften. Aber plötzlich! 8|

    Das ließ sich ACP Patel nicht zweimal sagen. Befehl ist Befehl, und der wird ausgeführt, wenn man noch an einer Karriere interessiert ist. Also kam er höchstpersönlich zum Unfallort und leider war nur noch Yusuf da. Und der wurde dann (nebst meinem Auto) „abgeführt“. 88|

    Somit sind also dann ACP Patel im eigenen Auto, der Constable von der hiesigen Polizeidienststelle und der verhaftete Yusuf in meinem Auto bei der um die Ecke liegenden Polizei eingetroffen. ACP Patel weist – unter Einhaltung der Befehlskette von oben nach unten - den rangniedrigeren Chef der hiesigen Polizeidienststelle, den PI (Police Inspector) an, Yusuf zu verhaften und einen „case“ (also ein Ermittlungsverfahren) gegen ihn zu eröffnen. :crazy: Wegen irgendwas. Und das sein ein Befehl von ganz oben, vom CP! :no:

    Der Police Inspector tat also wie ihm geheißen, schließlich will er ja auch noch einige Zeit auf seinem Stuhl sitzen. Er hat zwar hinterher zwischen den Zeilen verlauten lassen, dass er das persönlich für Amtsmissbrauch hält, aber er müsse nun einmal die „procedure“ einhalten. :no:

    Und außerdem war der ACP auch noch wütend, weil er nur 1 verhaften konnte und nicht 2, wie der CP befohlen hatte. Da hat der arme Police Constable auch gleich noch einen Anschiss bekommen und ihm wurden Konsequenzen angedroht, weil er den anderen Fahrer laufen lies. >:-(

    Die Polizeidienststelle war daher in heller Aufregung und hat viel Papier beschrieben, um die Aussagen von Yusuf aufzunehmen, und daraus einen „Fall“ zu basteln. Wegen eines „accident case“ (also Verkehrsunfalls), und am besten auch gleich noch wegen Verstoß gegen den „traffic act“, was ja durch das „Verursachen eines Verkehrsstaus“ bewiesen sei.

    Das muss man sich auf Deutschland übertragen also ungefähr so vorstellen: Sagen wir einmal in einer Provinzstadt wie Regensburg wird man, wenn man einen Unfall und nachfolgenden Stau verursacht (wobei Yusuf ihn ja gar nicht verursacht hat, sondern der Fahrer aus Bombay) statt wegen „nicht angepasster Fahrweise“ (welche in Deutschland vielleicht maximal als Ordnungswidrigkeit und nicht als Straftat gilt, und vielleicht eine schriftliche Verwarnung oder ein Bußgeld über sagen wir mal 35 Euro auslöst) gleich verhaftet. Weil z.B. der Polizeichef von Regensburg durch den Stau zu spät zur Sonntagsmesse im Dom kommt.

    Auf Indien übertragen würde eine strikte Auslegung der „nicht angepassten Fahrweise“ täglich zu millionenfacher Verfolgung führen. Aber das schert normalerweise niemanden. Nur einen mächtigen Mann wie den "CP".

    Weiter zum Verlauf der Samstagnacht. Nachdem also viel Papier ausgefüllt wurde, konnte mich Yusuf gerade noch mit dem Handy anrufen. Das wurde ihm dann weggenommen. Und die Schuhe auch.

    Eine knappe Stunde später bin ich dann mit meinem Nachbarn Vineet auf der Polizeistation aufgetaucht, und meine Partystimmung und gute Laune wandelten sich blitzartig in einen Schockzustand und später in Wut und Ohnmacht. Nix mehr mit Osterfrieden. Und schlagartig nüchtern wurde ich. 8|

    Den Anblick werde ich so schnell nicht vergessen: Yusuf hinter Gittern! 88| Sie haben ihn tatsächlich eingesperrt und bis zum nächsten Tag in dieser Dreckszelle behalten!

    Vineet führt ein langes Gespräch mit dem PI (Police Inspector), oder vielleicht war es auch der PSI (Police Subinspector). Auf Hindi, also habe ich nur einzelne Wörter verstanden. Aber die Körpersprache sagte viel mehr aus. Viel Kopfschütteln, viel Seufzen, viel Schulterzucken, viel „Achcha“.

    Und so kam die ganze Geschichte allmählich raus. Da half also kein vernünftiges Argumentieren, ja nicht einmal viel Schmiergeld wäre da eine Lösung gewesen. Der CP hat befohlen, und da könne man gar nix machen. Er - der PI - hätte Yusuf ja gerne freigelassen, oder zumindest in einem normalen Zimmer mit Deckenventilator behalten, aber er musste in die Zelle.

    Und das hatte seinen guten Grund: Der ACP N.C. Patel ist nämlich später in der Nacht nochmal aufgetaucht und hat kontrolliert, ob seine (also Asthanas) Befehle auch ordnungsgemäß ausgeführt wurden.

    Was ich noch erfahren habe war, dass Yusuf am nächsten Nachmittag (Sonntag) vor Gericht gehen kann, um Kaution zu beantragen. Glücklicherweise hat er viele Freunde, darunter einen bei Gericht und einen Anwalt, welche ihm dabei geholfen haben. Kaution konnte ich nämlich nicht leisten, dazu muss man in Indien Grundbesitz haben (also eine Wohnung oder Haus). Und die darf ich als Ausländerin ja nicht haben.

    Es waren auch schon andere Freunde vor Ort, die ihn mit Essen und Getränken versorgt haben. Und alle versicherten mir, ich solle mir doch keine Sorgen machen. Er käme am nächsten Tag schon wieder frei. Und es wird ihm auch nix passieren auf der Polizei (also damit meinten sie, dass er nicht geschlagen oder sonst wie misshandelt würde – und das ist keine Selbstverständlichkeit in Indien). :no:

    Der Police Inspector sei auf Yusufs Seite, aber er könne nun einmal nicht anders handeln. Dafür haben sie schon Verständnis, schließlich steckt ja der CP dahinter. Wobei keiner am ganzen Abend den Namen genannt hat. Lediglich die Erwähnung der beiden Buchstaben C! P! lies alle erschauern.

    Ostersonntag: Wieder frei
    Ostersonntag musste ich früh raus, da in der Fabrik außerhalb Barodas die Einweihung einer neuen Produktionsanlage anstand. Am Nachmittag, als ich wieder zu Hause war, dann endlich der erlösende Anruf von Yusuf: er ist wieder frei! :p

    Etwas später kam er dann mit meinem Auto. Das Auto musste nämlich über Nacht auch bei der Polizei bleiben und wurde ebenfalls erst am Tag darauf „freigelassen“ (allerdings war keine Kaution notwendig). :-/
    Yusuf war verständlicherweise leicht verknittert und übermüdet. Erzählte, dass er nicht schlafen konnte, da er mehrere Überfälle von Ameisenhorden abwehren musste, welche in der abfallverseuchten Zelle ihr Unwesen treiben.

    Ostermontag: Wie geht's weiter?
    Yusuf und seine Freunde erzählten, dass dieses ganze Gerichtsverfahren jetzt seinen normalen Weg geht. Das geht ungefähr so: Jetzt wird erst schriftlich Anklage erhoben. Dann gibt es in ca. 2 Wochen ein erste Anhörung von beiden Seiten (also Yusuf+Anwalt und Polizei). Dann folgte ca. 1 Monat später die zweite Anhörung und evtl. nochmal später eine dritte Anhörung. Vermutlich wird er zu einer Strafe von 300-500 Rs. (5-8 Euro) verurteilt. Und da sein Freund bei Gericht sei, wird das alles schnell erledigt sein, da der die Mittel und Wege kennt, um das Verfahren zu beschleunigen. :no:

    Yusuf wurde bei der Kautionsverhandlung vom Richter gefragt, ob er einen „Fall gegen die Polizei“ erheben möchte, er könne ihm dazu durchaus die Erlaubnis geben (...ungesagt blieb dabei, dass er dann wahrscheinlich die Freilassung auf Kaution vergessen könne). Und Yusuf hat das logischerweise verneint. >:XX

    Und da frage ich Naivchen dann, ob man nicht doch noch ein Verfahren wegen Amtsmissbrauch gegen den „CP“ einleiten könne. „Oh nein“, wehren alle Anwesenden vehement ab. Schließlich sei das ein mächtiger Mann, ein Freund vom Chief Minister von Gujarat, Narendra Modi. Und Yusuf ist Muslim, und daher erwarte er in so einem Fall, dass irgendwelche „Geschichten“ erfunden würden, „Zeugen“ auftauchen usw., und dann habe er ein echtes Problem. Schließlich sei man ja in Gujarat, und da weiß man, wo die Macht ist. >:XX

    Wie soll ich jetzt noch meinen Osterfrieden bekommen?

    Dienstag nach Ostern: Zurück zum Alltag
    Mit der ersten Tasse Tee und der Zeitung genieße ich den noch kühlen Morgen im Garten. Keine besonderen Vorkommnisse . Nur die üblichen Geschichten der verbalen Geplänkel zur bevorstehenden Parlamentswahl. Hier eine Geschichte eines Selbstmordes, da eine von einer Vergewaltigung, bei der das geschwängerte Opfer gezwungen wurde, den Vergewaltiger zu heiraten. Nix besonders also.
    Für den Außenstehenden kann das Trugbild vom „Vibrant Gujarat“ ungetrübt bleiben. Ich bin immer noch wütend, aber weiß auch kein Mittel, um mich gegen diese Art Ungerechtigkeiten zu wehren.
    Heute ist Dr. Ambedkars Geburtstag. In der Stadt sind einige Veranstaltungen. Schulmädchen in hübschen südindischen Trachten sind unterwegs.
    Schulkinder

    Rehana ist immer noch im Krankenhaus. Ich kann mit dem behandelnden Arzt sprechen. Es ist nix ernsthaftes. Sie machen viele Untersuchungen, um die Ursache für ihren Bluthochdruck und die entsprechende Behandlung zu finden. Wahrscheinich kann sie morgen nach Hause.
    Es werden 43 Grad Mittagstemperatur erwartet. Ich schließe mich also zu Hause ein und werde erst am Spätnachmittag weitere Aktivitäten starten. Im März war ich bereits in Deutschland, um ein neues Visum zu beantragen. Dieses Jahr habe ich gar nicht den Versuch unternommen, es hier in Indien zu versuchen. Und heute soll ich angeblich die neue „residential permit“(Aufenthaltserlaubnis) bekommen. Außerdem ist die Batterie vom Generator kaputt und muss geprüft und geladen werden. Etwas frisches Gemüse muss auch noch eingekauft werden. Der Alltag hat mich also wieder.

    Wird vielleicht Pfingsten dieses Jahr friedlicher werden?

  • Indische Feiertage, Vol. 15: Flieg, Drachen flieg! - Flieg, Vogel flieg ... lieber nicht!

    Einige bunte Bilder gab es ja schon im letzten Beitrag, aber hier noch einige Erlebnisse und Informationen über die Schattenseiten des Drachenfestes:

    Es ist ja nicht so, dass jeder abgestürzte Drachen heutzutage aufgesammelt wird. Und die Tradition des Drachenläufers gibt es auch - zumindest hier - nicht mehr (wie in dem beeindruckenden Buch von Khaled Hosseini beschrieben).

    Die traurigen Reste der Papierdrachen ergeben knallbunte Müllhaufen, deren Papiergehalt noch mancher Kuh als Futter dient.
    cow food
    Buntes Kuhfutter

    Bevorzugt bleiben die Drachen in Bäumen oder Stromleitungen hängen. Das führt wiederum zu diversen Kurzschlüssen und nachfolgenden Stromausfällen sowie Überspannungen (wenn der Strom wiederkommt). Sofern man keine Stabilizer installiert hat, kann das den Garaus für Ladegeräte von Handys, Kameras, PCs oder auch kompletter Geräte (wie elektrische Zahnbürsten, Kaffeemaschinen oder gar Kühlschränke) bedeuten. Auch in den Wochen nach dem Festival gibt es Stromabschaltungen, wenn vom Strombetreiber der Abfackel-Service durch die Straßen geschickt wird. Dabei halten Männer Fackeln an langen Bambusstecken an die Drachen und brennen diese einfach ab.

    Wie jedes Jahr gibt es in den Tageszeitungen die Warnungen vor den tödlichen Gefahren zu Uttarayan. Aber offensichtlich leiden einige Bewohner unter vorübergehender Blindheit oder Gehörsturz und es gibt wie immer Tote und Verletzte. Die Hauptursachen sind Abstürze vom Dach bzw. Schnitte durch die mit Glaspulver behandelten Drachenschnüre (Manjha).
    So waren eben auch dieses Jahr wieder solch typischen Schlagzeilen zu lesen:
    - 1 1/2jährige verblutet nach Halsschnitt durch Drachenschnur
    - 50jähriger überlebt knapp Halsschnitt durch Drachenschnur
    - 9jährige fällt von Terrasse
    - 30jähriger fällt von Fabrikhalle
    - 40jähriger stirbt nach Sturz von Baum
    - 25jähriger Motorradfahrer wird durch Drachenschnur am Hals verletzt
    - Verletzte nach tätlicher Auseinandersetzung wegen Drachenstreit
    Letzters kann auch schnell in größere Unruhen umschlagen (der Mob ist immer in Bereitschaft). Aber ein größeres Polizeiaufgebot konnte das verhindern.

    Die Hospitäler haben verstärkte Bereitschaft bei den Notaufnahmen. Trotzdem gab es z.B. in Ahmedabad innerhalb von 24 Stunden 48 Tote.

    Menschen können (bedingt) den Gefahren aus dem Weg gehen/fahren. Aber da gibt es noch die dummen Vögel, welche nicht lesen können - im Gegensatz zu vielen drachenverrückten Gujaratis.
    So ist mir auf meiner Foto-Safari durch die Altstadt ein Stand am Straßenrand aufgefallen:

    Im Vorbeifahren dachte ich erst: Was verkaufen denn die da? Tauben etwa? Aber dann bin ich nochmal umgekehrt, um mir das genauer anzusehen.
    Vogelschützer
    Vogelschützer

    Hier hatte eine Hilfsorganisation ein provisorisches Vogel-Hospital aufgebaut. Da hatte ich eine sehr interessante Unterhaltung mit den Betreibern dieses Standes, die mir bereitwillig ihre Arbeit erklärt haben.
    Vögel mit Verletzungen durch die Drachenschnüre werden hier erstversorgt und dann in eine entsprechende Langzeitpflege gegeben, bevor sie wieder ausgewildert werden. Es gibt sogar eine 24 h-Notfallrufnummer, bei der man verletzte Tiere melden kann. Die Hilfsorganisation wird von Mitgliedern der Jain-Religion betrieben, deren Grundethik sich vereinfacht durch Gewaltlosigkeit gegen über allen Lebewesen beschreiben lässt.

    Ja und das passiert eben der dummen Frau Pfau und dem blöden Herrn Eule, wenn sie meinen, zum Kite-Festival rumfliegen zu müssen: Flügelverletzungen und durchschnittene Sehnen. >:XX
    Frau PfauHerr Eule
    Dumme Frau Pfau ... und ... blöder Herr Eule

    Am nächsten Tag konnte ich dann die traurige Bilanz der Zweiflügler lesen. Es gab unzählige tote Tiere. An einem Tag wurden jedoch auch viele verletzte Vögel behandelt:
    - 62 Tauben
    - 18 Eulen
    - 12 Milane
    - 4 Fledermäuse
    - Je 3 Kiebitze und Krähen
    - Je 1 Pfau, schwarzer Ibis, Ente, Reiher und Papagei

    Darum ein Aufruf an alle Vögel: NICHT FLIEGEN AN UTTARAYAN! :?:

    Warum habe ich jetzt das Gefühl, dass diese Warnung genauso sinnlos ist, wie der Aufruf an die Lebewesen, welche des Lesens mächtig sind? :roll:

  • Indische Feiertage, Vol. 14 – „aufgenommen“: Impressionen vom Kite-Flying-Festival 2009

    Wie in den Vorjahren, bin ich auch dieses Jahr der Faszination des Kite-Flying-Festivals nicht entkommen und habe ein paar Fotos/Videos dazu aufgenommen. Hier zunächst einmal ein kurzer Dreh entlang der Kite-shops in der Old Padra Road in Baroda.

    Hier noch eine Auswahl der beliebtesten Fan-Kites:
    AKhanSRK1
    SRK aur Sania MirzaSRK2SKhan2SKhan1King Khan aur MS Dhoni
    Khans – soweit das Auge reicht

    Die Queen of Bollywood und die Happy Family dürfen auch nicht fehlen:
    Queen of BollywoodHappy Family

    Aber der Verkaufsschlager war dieses Jahr Chief-Minister Narendra Modi mit Ratan Tata und dem 100.000 Rs.-Auto „Nano“.

    Kurz zum Hintergrund. Tata wollte im 4. Quartal 2008 das 100.000 Rs.-Auto „NANO“ auf den Markt bringen. Die Produktion dafür wurde in Singur in West Bengal aufgebaut. Nach Protesten von Farmern über die Enteignung von Land (für welches sie nach Meinung einer Oppositionspolitikering nicht ausreichend entschädigt wurden, und daher entsprechend aufgestachelt), sowie bereits stattgefunden tätlichen Übergriffen auf Belegschaft und Sicherheitskräfte in Singur hat Ratan Tata entschieden, aus Singur zu flüchten und die Fertigung andernorts aufzubauen. Den Proteste der Farmer waren, wie so oft in Indien, viele politische Spielereien der Oppositionspartei vorausgegangen. Der Imageschaden für Westbengalen ist nun enorm.
    In Folge hatten sich mehrere Bundesstaaten für die Ansiedlung von Tata zur Fertigung des Miniautos beworben. Aber Narendra Modi hat Ratan Tata nach Sanand in Gujarat gelockt. Mit diesem Erfolg tourt Modi jetzt durch die Lande und feilt schön weiter an seinem Personenkult. Unmittelbar nach der Entscheidung von Tata hat er im ganzen Ländle Selbstbeweihräucherungs-Plakate aufgehängt:
    Modi aur Tata

    Und jetzt fliegen die beiden auch noch ganz hoch. Die Welt ist eben in Ordnung in Happy Gujarat:
    Narendra Nano Ratan
    Happy GujaratHappy Kite-selling
    Happy Modi - Happy Gujarat - Happy Kite-selling

    Am Nachmittag des Kite-festivals habe ich mich dann in die Altstadt gewagt, um einige Aufnahmen zu machen. Leider war dieses Jahr der Wind sehr schwach, so dass nur ca. 20% des in den Vorjahren üblichen Verkehrsaufkommens über dem Himmel von Baroda zu beobachten war. Das habe ich übrigens auch an der Anzahl der auf der Dachterrasse und im Garten aufgesammelten Papierdrachen festgestellt: Die Ausbeute lag in 2 Tagen bei lediglich 15, gegenüber mehr als 50 in den beiden vergangenen Jahren.

    Und über die Schattenseiten des Festes gibt es noch einen gesonderten Beitrag.

  • Danke Ganesh!

    Danke Ganesh

    Danke Ganesh, oder wer auch immer dafür zuständig war. Eine ganze Armee von Schutzengeln wahrscheinlich. Gerade habe ich mit einem ganz lieben Menschen telefoniert, und weiß jetzt, dass es ihm gut geht. Er arbeitet in der Deutschen Botschaft in Kabul und war nur 12 Minuten vor dem heutigen Anschlag noch an der Stelle, wo der der Selbstmordattentäter zuschlug. Und zum Zeitpunkt des Anschlags hatte er das Büro zur Straßenseite eben verlassen, wo die Fensterscheiben eingedrückt wurden.

    Gleich nach dem Telefonat habe ich gaaanz viele Räucherstäbchen vor meiner Ganeshfigur angezündet und frische Blumen hat er auch bekommen.

    Also lieber Ganesh, Heiliger Antonius, ihr Schutzengel oder wer auch immer: Weiter so!

  • Weihnachten ist doch vorbei!

     Uaaah. Gääähn. Bin ich müde. Das war einfach zu lange. 6 Wochen Weihnachtsurlaub in Deutschland. Und jetzt komme ich einfach nicht aus dem Jetlag und Schlafstörungen raus und fühle mich wie im Koma. Oder irgendwie physisch zwar da, der vernebelte Kopf hängt aber noch irgendwo zwischen den Kontinenten.

    Jetzt lasse ich einmal meine Gedanken zurückschweifen, was in der Zwischenzeit alles passiert ist:
    Meinen Rückflug via Mumbai hatte ich bereits lange im voraus für den 27. November gebucht, um rechtzeitig zum 50. Geburtstag meiner Schwester Nr. 6 und meines Schwagers einzutreffen. Und das war ausgerechnet am Tag nach den Anschlägen in Mumbai. Dazu ist an anderen Stellen schon so viel geschrieben worden, dazu brauche ich nicht auch noch was sagen.
    Was mir in Erinnerung ist, sind verschreckte Anrufe von Verwandten, die ich alle beruhigt habe, dass für mich ja keine Gefahr besteht. Am sichersten ist man ja wohl direkt am Tag nach Anschlägen, da sind doch alle auf "high alert". Und so war es auch. Viele Sicherheitskontrollen und Sicherheitspersonal in Mumbai. Und dann war da diese merkwürdige Stimmung. Alles war viel ruhiger, weniger chaotisch, so als ob sich die Stadt im Schockzustand befindet.
    Geschockte Reisende waren dann in der nagelneuen Swiss-Lounge anzutreffen. Ich habe viele Telefongespräche von Betroffenen mitgehört, bei denen sie über ihre Erlebnisse berichteten. Neben mir saß eine ältere Britin, welche mir leicht traumatisiert vorkam. Sie simste permanent und berichtete dann in einem Telefonat von ihrer Flucht aus einem Restaurant, in dem sie beschossen wurde, jedoch glücklicherweise unverletzt entkam.

    In der Zwischenzeit habe ich viele Blog-Einträge der letzten 6 Wochen nachgelesen. Am meisten beeindruckte mich die Geschichte von Benny, neben dem im Cafe Leopold's eine Granate explodierte. Er hatte unglaubliches Glück und wurde nur leicht verletzt. Und er geht bemerkenswert gelassen mit diesem Erlebnis um.

    Im saukalten, aber noch sonnigen Deutschland angekommen, war erst einmal Schneeschippen angesagt. Herrlich! Im Gepäck wieder einige Kilo Weihnachtsplätzchen, liebevoll von Rehana gebacken und verziert.

    Die Geburtstagsfeier meiner Schwester war ein wunderschöner Abend mit viel Familie, Geschnatter und Essen. Ich hatte mir zur Feier des Tages meinen Satya Paul-Sari angezogen . Mit knappem Choli und barfuß in den Sandälchen - ungeachtet Minusgraden und vereisten Wegen. Aber trotz Warnungen wurde ich ob meiner knappen Bekleidung nicht krank. Der wesentliche Vorteil von einem Sari ist jedoch: Da zwickt nix. Da kann man ohne Bedenken noch einen Knödel essen.

    Jetzt hatte ich ja noch etwas Zeit bis Weihnachten. Und was macht Frau da? Klaro - Weihnachtsputz! Aber es wurde dann schon ein etwas ausgiebiger Großputz. Ist knapp 4 Jahren ist mir das Haus fast fremd geworden. So eine Homebase ist zwar schön. Aber irgendwie kommt man nie richtig an. Die Koffer werden kaum ausgepackt, da muss man schon wieder los. Für Haus und Garten bleibt kaum Zeit.
    Und so habe ich endlich wieder einmal den Keller aufgeräumt. Und die Schränke ausgemistet, geputzt und neu geordnet. Die Küchenschränke komplett ausgeräumt und geputzt. Und weil ich alles wieder ordentlich einräumen wollte und nicht wieder in irgendwelchen Ecken und vorübergehenden Plätzen unterbringen wollte, bin ich gleich zu IKEA, um neue Schränkchen, Schreibtisch und sonstige Ordnungsmittel zu kaufen. Endlich wieder IKEA-Möbel aufbauen. Herrlich!

    Was folgte waren viele Besuche bei meinen Eltern, Treffen mit Freunden, etliche Shopping-Touren über Weihnachtsmärkte. Ich mag den Duft von diesen Märkten, und es reicht mir manchmal schon, nur an den Buden vorbei zu bummeln und die Atmosphäre einzufangen. Fast überall musste ich den Glühwein probieren. Mein diesjähriger Favorit war eine Feuerzangenbowle auf dem Züricher Weihnachtsmarkt.
    Die Weihnachtstage gefüllt mit vielen Feiern, Abendessen, Sichzeitnehmen für Gespräche, Familie, Freunde, Ruhe. Aber es ist dann nach ein paar Tagen doch schon wieder anstrengend.
    Unsere alljährliche, etwa dreistündige Sylvesterwanderung mit Freunden vom Ammersee zum Kloster Andechs war dieses Jahr besonders schön. Kurz vor Start hat sich der Nebel gelichtet und der strahlende Sonnenschein hat die Landschaft verzaubert. Hier ein paar Eindrücke.

    Winterwanderung1Winterwanderung2
    Winterwanderung3Winterwanderung4

    Winterwanderung am Ammersee zum Kloster Andechs

    Aber dann kommt die Zeit, die Abreise zu organisieren. Das vorher mit viel Aufwand (und Freude) geschmückte Haus und Außenanlagen mussten "entdekoriert" werden. Den Tag der Abreise hasse ich. Dann bin ich kaum noch ansprechbar. Da läuft die Routine: Mietwagen abholen, sich von den Eltern verabschieden, Kühlschrank ausräumen und abtauen, Putzen, Einkaufen, Kofferpacken, Müll raus, Heizung runterdrehen, Rollos runter, Abschließen - Tschüß!

    Der Rückflug weitgehend problemlos (nur verspäteter Start wegen Abtauen der Tragflächen). Aber ich konnte die allerorten lauernden Weihnachtsbäume und den Glitter (den ich doch eigentlich so liebe) nicht mehr ertragen. Überall: Nürnberg und Zürich waren noch voll davon. In Mumbai waren sie dann in der Hotelbar gerade dabei, den Weihnachtsschmuck zu entfernen. Danke!

    Deutschland bei -10 Grad verlassen und in Mumbai bei +25 Grad landen. Die Transport-Experten hatten es wieder einmal geschafft, einen angeblich unzerbrechlichen Koffer zu zerstören. Aber diesmal habe ich den Schaden gleich vor Ort gemeldet, mir mit einigem zeitlichen Aufwand einen "damage report" ausstellen lassen. Jetzt warte ich mal, ob das diesmal erstattet wird.

    Das Einchecken im Hotel gleicht nach den Anschlägen den Sicherheitskontrollen auf jedem Flughafen. Und auch im Flughafen wird jetzt viel kontrolliert. Das Handgepäck jetzt sogar zweimal. Ob die vielen lustigen Stempel auf den Gepäckanhängern und der Aktionismus wirklich helfen, solche unmenschlichen Anschläge zu verhindern? Daran glaube ich nicht. Das gibt nur eine "gefühlte Sicherheit". 

    Und dann war ich wieder da: Number Two war wie immer erst mal beleidigt. Nach dem Koffer ausräumen (ca. 10 kg davon Katzenfutter) habe ich mit ihm eine erste Siesta mit ausgiebiger Katzenmassage genossen. Und dann kamen die schlaflosen Nächte. Die habe ich mittlerweile genutzt, um alle Teppiche und Kissen zu waschen, auf denen das kleine Ferkel seine Duftmarken hinterlassen hat. Warte nur, demnächst kommen die Eier ab, wenn sich das nicht bessert!

    Meine Schlaflosigkeit bessert sich nicht. Nachts bin ich Hallowach und tagsüber komme ich nicht vor mittags aus dem Bett. Habe so auch dieses Jahr Moharram total verschlafen.
    Irgendwann schaffe ich es dann, einkaufen zu fahren. Und was sehe ich da: Weihnachtsdeko! Aber Weihnachten ist doch jetzt endgültig vorbei! Ich kann es nicht mehr sehen!!!
    Santa\'s house in BarodaChristmas-shopping in Baroda
    Weihnachten ist in Baroda noch nicht vorbei

    Ab in die Altstadt, um mir die neuesten DVDs holen: "Gajjini", der aktuelle Film von meinem Lieblings-Khan muss es sein. Mannohmann hat der Muckis, und wie der den bösen Buben ordentlich auf die Backen haut! Da kann SRK mit seinem neuerdings antrainierten Six-Pack und Geplansche in "Om Shanti Om" aber wirklich nicht mithalten.

    Und dann habe ich mir auch noch "Mission Kashmir" als DVD geholt. Darauf bin ich neugierig geworden, seit ich in den letzten Wochen "Bombay: Maximum City" gelesen habe. Für dieses Buch habe ich eine Zeitlang gebraucht, um es zu lesen. Ich weiß zwar schon einiges über Indien, aber das da Beschriebene ist keine leichtverdauliche Kost. Da brauchte ich manchmal ein paar Tage Pause, um weiterzulesen.

    Im Vorbeigehen sehe ich, dass die Vorbereitungen für das nächste Fest laufen. Verkaufsstände für Papierdrachen, Drachenschnüre, Sonnenhüte und Tröten. Auf dem Bürgersteig werden die Lautsprecher zusammengebastelt, um Uttarayan lautgerecht stilgerecht zu feiern. In Top-Qualität natürlich. Kann da vielleicht einmal irgendjemand einen Know-How-Transfer machen, um nichtscheppernde Lautsprecher zu bauen? Es reicht ja schon, wenn es laut ist, aber müssen die denn immer so kreischen?
    Lautsprecher-Wallah
    SCHEPPERLAUTSPRECHER

    So, das war's erst einmal für den diesjährigen Einstieg in den Blog. Das Jahr ist schon etwas abgebrannt, aber ich wünsche allen - etwas verspätet - ein tolles 2009!
    2009brennt

  • Number Two Jayanti

    Untertitel: Indische Feiertage, Vol. 13 – „aufgmischt“: Geburtstag von Number Two moti-billi
    Bin ich nicht groß geworden?

    Geplant hatte ich ja, dass dieser Beitrag schon am 2. November erscheint. Aber leider hat meine langsame Internet-Verbindung  so manchen Hochlade-Versuch zunichte gemacht. Dafür dieser Beitrag jetzt mit noch ein paar mehr Fotos/Videos. Den Beitrag wollte ich an diesem Tag herausgeben, weil sich da der
    Umzug von Number Two von Mumbai nach Baroda jährte.

    Und da es hier in Indien ja für Hinz und Kunz einen Feiertag gibt, oft anlässlich eines Geburtstags (z.B. Krishna-Jayanti, Shiva-Jayanti, Gandhi-Jayanti, Mohammeds Geburtstag usw.), finde ich es angebracht, dass Number Two jetzt auch seinen eigenen Feiertag bekommt. JAWOLL! 

    Auf dem nächsten Foto sieht man, was aus dem einstmals kleinen rattenschwänzigen, dauerhungrigen Allesverschlinger geworden ist: Eine verwöhnte Whiskas-Vernichtungsmaschine, welche das Gästezimmer nebst Kingsize-Bett und „attached bathroom“ okkupiert hat.  Billi-Residence
    Number Two im Kingsize-Bett


    Sein Fressverhalten hat sich dramatisch verändert. Dem “Von 100 auf 0 g Futter in 9,8 sec“-Stadium ist er entwachsen. Er kann zwar noch ziemlich nerven wenn er Hunger hat (oder auch nur so tut), aber dann lässt er es ruhig angehen, und verteilt eine Mahlzeit auf mehrere genüssliche Häppchen. Wenn‘s ihm nicht schmeckt, lässt er es schon einmal liegen. Aber darüber freut sich dann eine meiner „Nachtkatzen“, denen ich allabendlich etwas vor die Tür stelle, oder besser gesagt stellte. Leider hat sich diese Aktion der Fremdfütterung nämlich als Quelle für diverse Revierkämpfe herausgestellt. Die Nachtkatzen waren nämlich schon länger hier. Eine davon – ein sehr aggressives Tier – hatte bisher die Revierhoheit. Und daher hat er ohne Vorspiel sofort angegriffen. Kam sogar in die Küche um Number Two zu attackieren. Da sind dann die Fetzen geflogen, und es wurde richtig "aufgmischt"  (Übersetzung für „aufmischen“
    hier) Seitdem heißt dieser Kater allgemein nur noch „Goonda-Billi“ (billi=Katze, goonda=Bandit, mehr zu Goondas siehe auch hier und  hier ).

    Und der Goonda-Kater ist ein wirklich dreister Kämpfer. Über etliche Wochen gingen die Auseinandersetzungen – meist verbal durch die geschlossene Terrassentür. Der erfahrene Kater saß draußen und glotzte frech durchs Glas, und Number Two mit gebauschtem Rückenfell und Schwanz laut jaulend auf der anderen Seite des Glases. Diese verbalen Auseinandersetzungen fanden dann auch immer nachts statt. Jetzt ist aber nach mehreren Runden heftiger Kämpfe – leider nicht verletzungsfrei –die Sache endgültig geklärt: Number Two ist jetzt das Alpha-Tier! Dabei hat ihm sein Kampfgewicht von mittlerweile über 5 kg sicher geholfen. Goonda-Billi schleicht zwar noch ab und zu ums Haus, aber flüchtet mittlerweile kampflos, sobald der neue Raj (König) auftaucht.

    Also Socke: Ich bin jetzt bereit – du kannst kommen, wenn du dich traust! (da gibt es noch ein Hühnchen zu rupfen!). Und dann wird "aufgmischt"! 

    Schon kurz nach seinem Einzug war Number Two nicht mehr im Haus war zu halten. Im Garten haben wir dann die ersten Runden des Kampftrainings gestartet:  

    ... und ab ins Gebüsch.

    Das Kampftraining wurde im Januar/Februar nochmals intensiviert, als er kurzzeitig als Fußwärmer herhalten musste:

    Neben viel Zeit im Fläz-Modus unternimmt er täglich mehrere Runden durch den Garten und die umliegenden Gefilde, jagt Vögel (meist ohne Erfolg), jagt Besen des Reinigungspersonals (meist mit Erfolg), und erfreut sich allgemeiner Beliebtheit. Große Erfolge hat er auch mit Schmetterlingen oder Geckos als Jagdbeute (pfuideibel! ). Leider geht bei seinem Geblödel auch ab und zu etwas kaputt: Rehanas Dupatta, Weihnachts- oder Osterdekoration, Schuhbänder, und alles, was sich sonst noch jagen lässt.  Den Rest des Tages verbringt er nun mit Rumblödeln, Attacken aus dem Hinterhalt und vor allem Extrem-Fläzen. Letzters bevorzugt auf dem Rücken, mit gespreizten Beinen, wobei er sehr unschamhaft seinen weißen Bauch und die rot gestreiften äußeren Geschlechtsmerkmale herzeigt.   Extremfläzen1 Erste Runde Extrem-Fläzen Extremfläzen2
    Nach einem kurzen Stellungswechsel startet Runde zwei
    Extremfläzen3
    Kurz gestreckt, und dann die Lieblingsstellung: Köpfchen auf Kisschen

     

  • Indische Feiertage, Vol. 12: „wieder abgehauen“, Diwali

    Diyas1
    Mit solchen und ähnlichen Sprüchen wird man per email oder SMS zu Diwali überhäuft.
    Das Lichterfest Diwali ist wohl der wichtigste indische Feiertag im Jahresverlauf. Wer mehr darüber wissen will, kann das hier nachlesen.

    Sehr aufmerksam finde ich dann, wenn den Diwali-Wünschen noch eine solche Zeile angefügt wird: „Please take care while blowing Fire Crackers“. Macht echt Sinn! Denn Diwali ist außerdem einer der lautesten Feiertage in Baroda. Tote und Verletzte werden jedes Jahr billigend in Kauf genommen. :no:

    Da man an Diwali aber vor allem das Haus schmückt und Geschenke bekommt bzw. verteilt, entwickeln sich die vorfeiertäglichen Aktivitäten ähnlich heftig wie an Weihnachten in Deutschland. An Diwali erhalten viele Leute von mir Geschenke: Allen voran die Angestellten. Die bekommen neben einem Geldgeschenk (in etwa das 13. Monatsgehalt), neue Kleidung (auch für jedes Familienmitglied), etwas für den Haushalt (z.B. neue Bettwäsche, Handtücher, Stahlgeschirr usw.), Packungen mit Süßigkeiten oder Trockenfrüchten etc. Daneben werden auch andere Dienstleister des Alltags mit kleinen Geschenken bedacht: Die Sicherheitsleute am Tor, die Gärtner, der Milchmann, der Zeitungsmann, die Bürohelfer etc. etc.

    Daneben muss auch das Haus geschmückt werden: bunte Lichterketten, Diyas (kleine Tonschälchen, in die man Öl und Dochte füllt, um das Haus mit weiteren Lichtern zu schmücken). Und außerdem Rangolis (Sandstreubilder). Das mache ich meistens gemeinsam mit den Angestellten am letzten Tag vor Diwali, sozusagen als feierlichen Auftakt für die anstehenden Festtage. Das kommt mir dann so vor, wie wenn ich den Christbaum behänge. Wenn wir fertig sind, gibt es zum Tee noch extra Snacks und Diwali-Süßigkeiten.
    Letztes Jahr war es noch ein traditionelles Sandstreubild, bei dem erst die Konturen in weiß gestreut werden, und danach die freien Flächen mit buntem Sand aufgefüllt werden:
    Rangoli 2007

    Dieses Jahr habe ich es uns einfacher gemacht, und so praktische Plastikschablonen gekauft :>>, mit welchen man ruck zuck ein buntes Bild hat:
    Rangoli 2008

    Somit entwickelt sich das Einkaufen vor Diwali mittlerweile zu einer zeitaufwendigen Sache. Auf der Shopping-Liste stehen neben all den Geschenken: bunter Sand (zum Streuen der Rangolis) und Diyas. Das bekommt man am besten bei einem Lari-Walla an der Straße oder in der Altstadt:
    Bunter SandDiya-Wallah

    Weiterhin brauchte ich: Geschenkpapier und Geschenk-Anhänger Aufkleber (da ich ja die Geschenke nicht in der Plastiktüte überreichen will), Diwali-Sticker und bunte Glitzer-Stifte (mit denen ich die Geldkuverts etwas aufpeppe). Leider habe ich das in der Innenstadt nicht bekommen, so dass ich an einem Spätnachmittag in die Altstadt bin. Später am Abend wäre nämlich kein Durchkommen mehr. Die Läden für diese Dinge sind Gott sei Dank nicht in den engen Altstadt-Gässchen, sondern an der Durchgangsstraße der Altstadt. Die Altstadt von Baroda ist von vier Seiten mit einer Mauer umgeben, und an jede Seite gibt es ein steinernes Tor.

    Jetzt habe ich versucht, einige Impressionen mit dem Movie-Modus an der Digital-Kamera einzufangen. Also Kamera einschalten und in Bauchhöhe gehalten durch das Gedränge schieben:

    Manchmal stehen die Ordnungshüter nicht nur rum, sondern machen auch einmal etwas vernünftiges: Sie vertreiben die Lari-Wallas mit ihren Karren, um den Verkehr besser fließen zu lassen.

    Geschenkpapier und –anhänger: das kauft man am besten in der Altstadt.

    Diwali-Lampen habe ich schon. Geschenkanhänger gab’s aber hier leider auch nicht.

    Das ist mein erster Versuch mit Youtube, und ich bin mir noch nicht ganz klar darüber, ob sich das noch optimieren lässt. Muss ich mich demnächst näher damit beschäftigen.

    Nicht auf der Einkaufsliste standen Böller und Feuerwerkskörper, auch wenn die Läden für diese Produkte jedes Jahr größer werden. Man könnte ja vermuten, dass dies auf den wachsenden Wohlstand der Bevölkerung schließen lässt. Einfaches marktwirtschaftliches Prinzip: Nachfrage bestimmt das Angebot.

    „Abgehauen“, das trifft nicht nur an Holi zu, sondern das habe ich mir auch zum Überlebensprinzip an Diwali gemacht. Während des ca. 1 Woche andauernden Dauerbeschusses kann man es nicht aushalten in Baroda. Es sei denn, man will neben einem Schlafdefizit auch einen Gehörschaden riskieren. :yawn:
    Dieses Jahr war leider kein Kurzurlaub in Goa oder Kerala möglich, da mein Mann nach Deutschland musste (Business geht nun mal vor). Und da sitze ich nun und friere im regnerischen Herbst. >:XX

  • Indische Feiertage, Vol.11: "abgebrannt" - Dussehra

    Der Feiertag Dussehra war zwar schon vor 2 Wochen. Jetzt etwas verspätet eine Geschichte dazu.

    Navratri, das Fest der 9 Nächte, das endet immer mit Dussehra am 10. Tag. An diesem Tag wird der Sieg von Rama über den Dämon Ravan gefeiert, bzw. der Sieg des Guten über das Böse, Licht über Dunkel. Am Abend werden symbolisch Strohpuppen verbrannt, welche Ravan darstellen sollen. Oder aber es werden riesige Pappfiguren aufgestellt, welche Ravan sowie seinen Bruder Kumbhkarna und seinen Sohn Meghnad darstellen. Diese sind - damit es schön laut kracht - gleich noch mit Feuerwerkskörpern gefüllt. In Baroda sind diese Jungs schon mal über 20 m hoch, so dass man auch schweres Gerät zum Aufstellen braucht.
    Ravan-Presse1

    Beim Fotografieren dessen werde ich selbst zum Fotoobjekt („my 15 min of fame“ ;D). Journalisten in Baroda scheinen sich ziemlich zu langweilen (es passiert ja sonst nix ... U-(), so dass ich wieder einmal ungefragt in der lokalen Gujarati-Presse lande.

    In Baroda werden die Figuren auf einem großen Pologround aufgestellt. Am Abend wird erst die zugrunde liegend Geschichte aus dem indischen Epos Ramayana aufgeführt (Ramlila genannt).

    Die Geschichte erzählt die Rettung von Sita, welche durch Ravan auf die Insel Lanka entführt wurde, durch ihren Ehemann Rama sowie durch dessen Gehilfen Hanuman und Ramas Bruder Lakshman.

    Jetzt wollte ich mir das Abbrennen des Bösewichts Ravan auch vor Ort ansehen. Soweit der Plan. Also bin ich am Abend bei Einbruch der Dunkelheit zum Pologround gefahren. Es hatten sich schon viele Menschen eingefunden und die Massen strömten weiter. Der Eingang war nur durch ein relativ schmales Tor möglich, schlecht beleuchtet, und mit einigen Stolperstellen davor und danach. Zunächst schaute ich etwas beim Ramlila zu. Die Massen strömten weiter und langsam wurde es eng. Auf Nachfrage erfuhr ich dass das Abbrennen in frühestens 1 Stunde stattfinden sollte, wahrscheinlich auch mehr, da ja die Aufführung noch mindestens so lange dauert... :yawn:
    Die meisten Leute kämen sowieso erst später. Aber ich hatte den Eindruck, der Platz sei doch schon proppenvoll! Als ich dann erfahren wollte, wie viele Menschen denn erwartet werden war ich bei der Angabe von „3 Lakh people“ (300.000!) schon etwas beeindruckt. Und da dämmerte es mir allmählich: Wenn das Gedränge jetzt noch deutlich größer wird kann ich kaum noch atmen. 8| Und was wäre wenn es beim Abbrennen und der Explosion der Bösewichte zu einer Massenpanik kommt? 8| Dann bin ich hier gefangen. 88|
    Die Sicherheitskräfte waren hauptsächlich damit beschäftigt den umliegenden Verkehr zu regeln, Kommunikation zu pflegen, oder in der Nase zu popeln Tee zu trinken,. Die Notausgänge und entsprechende Ausschilderung entsprachen indischem Standard, also waren nicht vorhanden. Der einzige Ausgang: dunkel, nur ein schwacher Schein der Straßenlampen, Stolpern durch leicht abschüssiges Gelände vorprogrammiert.
    :no::no::no: NEE NEE NEE - das is nix für Helenchen! Da ergreife ich lieber rechtzeitig die Flucht. Geschichten von mehreren Hundert Toten und Verletzten durch Massenpanik sind in Indien ja fast an der Tagesordnung.
    Zuletzt in Jodhpur.

    Es dauerte, bis ich aufgrund der weiterhin heran strömenden Menschenmassen vom Veranstaltungsort nach Hause kam. Und da habe ich mir das Spektakel in aller Ruhe bei einem Gujarati-Sender angesehen. Das hat ganz ordentlich gebrannt und geböllert. Am nächsten Tag dann die Bilder in der lokalen Presse.
    Ravan-Presse2

    Ravan wird immer als zehnköpfiger Dämon dargestellt, da er die Kraft von 10 Normalsterblichen hat. Aber warum muss Ravan eigentlich immer als Bösewicht herhalten? Nun, das ist eine längere Geschichte von Ursache und Wirkung, Gewalt und Gegengewalt, Rache und Vergeltung. Nicht untypisch für Indien. Im Ramayana geht das ungefähr so: Ravan wird getötet, weil der Sita entführt hat. Sita wurde entführt, weil der Bruder von Rama, Lakshman, die Nase von Ravans Schwester Hidamba abgeschnitten hat. Ein schweres Vergehen in der indischen Symbolik („das Gesicht verlieren“). Und Lakshman hat Hidambas Nase abgeschnitten, weil diese ihn nicht heiraten wollte. Weil Lakshman sich unsterblich in sie verliebte als er sie im Wald traf. Und Lakshman war (zusammen mit Ram und Sita) für 14 Jahre in den Wald verbannt. Weil dem ein innerfamiliärer Streit vorausging usw. usw. usw.
    Ravan

    Wenn ich mir das so durch den Kopf gehen lasse, sehe ich Parallelen zur jüngeren Geschichte in Gujarat. Was führte wirklich zu den Gujarat-Riots im Jahre 2002?

    War es der Brandanschlag in Godhra? Und hat der Ayodhya-Konflikt wiederum zu diesem angeblichen Überfall geführt?
    Im Zug in Godhra befanden sich viele Hindutva-Aktivisten Pilger aus Ayodhya, und angeblich wurde der Überfall auf den Zug von einem muslimischen Mob begangen. Dem vorausgegangen war u.a. 1993 die Geschichte in Ayodhya . Dabei kam es zu einem Überfall von Hindu-Fundamentalisten, welche die dortige Babri-Moschee zerstörten und darauf einen Schrein zu Ehren Ramas errichteten. Nach ihrer Überzeugung wurde dort vor 900.000 Jahren nämlich Rama geboren.
    Bei den Ereignissen in Godhra ist nach wie vor nicht geklärt ob es sich um einen Überfall oder Unfall handelt. Es gibt dazu sich wiedersprechende Untersuchungsberichte
    Einer besagt, dass das Feuer im Inneren des Zugs entstand. der letzte Bericht der Nanavati-Mehta-Kommission fand nun heraus, dass es (trotz wiedersprüchlicher Beweise) ein geplanter Brandanschlag von außen war. Also wird die wirkliche Aufklärung wieder einmal im Sand verlaufen. :**:

    Nun soll aber die dafür zuletzt beauftragte Nanavati-Mehta Kommission auch die Rolle des damaligen Chief Ministers von Gujarat, Narendra Modi, der anderer Minister in seinem Kabinett, sowie der Polizeioffiziere, Einzelpersonen und Organisationen untersuchen. Da bin ich nun doch gespannt, wie sich diese angesichts der von Tehelka letztes Jahr veröffentlichten Bekenntnisse von Beteiligten am Genozid herausreden will
    Nebenbei werden jetzt schon einmal über 2000 Fälle zu den nachfolgenden Unruhen ohne weitere Untersuchung abgeschlossen. Kann so wahrscheinlich nur in Gujarat passieren, ohne dass es massive Proteste aus der Bevölkerung gibt.

    Es gibt noch etliche ähnliche Geschichten, wie in diesem Zusammenhang in Gujarat das Recht gebeugt wird, und eine bestimmte „Wahrheit“ erzeugt wird. Aber das würde hier den Rahmen sprengen.

    Eigentlich sollte die Verbrennung von Ravan ja auch symbolisieren, dass jeder das Böse in sich selbst verbrennen, und dem Pfad der Tugend und Güte folgen soll. Leider habe ich hier in Indien den Eindruck, dass der Focus eher darauf liegt, dass von einem Mob mal schnell wieder etwas abgebrannt wird, und das nicht nur in Gujarat .

  • Es geht wieder los ...

    ... das Schreiben.
    ... nach einer arbeitsreichen Monsunsaison, in der kaum Zeit zu Nachdenken, geschweige denn Schreiben blieb.
    ... nach einem erholsamen Urlaub in Europa.
    Zurück in Indien stellt mich meine Internetverbindung zwar nach wie vor vor eine harte Geduldsprobe. Aber ab und zu schafft es dann ein Foto, sich hochzuladen.

    ... die Festival-Season.
    Seit August sind wieder viele feiertagsbezogene Aktivitäten mit unterschiedlichen Alltagsansichten in der ganzen Stadt erkennbar. Die saisonbedingten Verkaufsstände mit Rakis tauchen auf und werden durch Verkaufsstände für Götterfiguren, Süssigkeiten, Schmuck, Kleidung usw. ersetzt.
    Der heilige Monat Shravan ist bereits vorüber.
    Zu Raksha Bandhan habe ich dieses Jahr deutsche Besucher mit einem Raki, Segen und Süßigkeiten überfallen.

    Krishnas Geburtstag hatte sich nur mit wenigen Umzügen und wenig Lautstärke bemerkbar gemacht. Zu Ganesh Chauturthi war ich bereits in Somerurlaub. Aber hier gibt es einen schönen Beitrag dazu.

    Neu war dieses Jahr eine große Verkaufsshow des Elefantengottes, auf welche ich zufällig gestoßen bin. Wer kann beim Anblick dieser schrill bunten Rüsselträger wiederstehen? Ich konnte es nicht. :lalala: Der zuckersüße Gesichtsausdruck ließ mein Herz und mein Barvermögen schmelzen, und jetzt steht eine kleine Familie bei mir im Haus rum. Ich konnte sie nämlich nicht ersäufen, so wie es ihren Kollegen normalerweise ergeht. :no:

    Ganesh mit OhrschmuckGanesh mit Ratte
    Ganesh mit Ohrschmuck ... und ... Ganesh mit Ratte (seinem Reittier)
    Ganesh-WallasNeue Ganesh-Lieferung
    Ganesh-Verkäufer ... und ... frische Elefanten-Lieferung

    Vor dem Ende von Ramadan, dem Eid-Festival (Zuckerfest) wurden die Läden voll, da neue Bekleidung und Schmuck etc. eingekauft wird. Vielerorts bieten Mehndi-Maler am Straßenrand ihre Dienste an.

    Mehndi-Wallas
    Mehndi-Wallas

    ... NAVRATRI!!!

    Endlich, endlich! Es geht wieder los!. Das Fest der neun Nächte! Das Fest des Garba-Tanzes! Nur wenige Tage Vorbereitungszeit blieben mir nach Rückkehr aus dem Sommerurlaub. Ein Blitz-Tanzkurs, um die wichtigsten Schrittfolgen einzuüben. Hektisches Shoppen neuer Chaniya Cholis und Glitzerschmuck, Bindis etc.

    Neu ist jedoch auch, dass seit den Anschlägen in Ahmedabad und den Bombenfunden in Surat mittlerweile jede Shopping-Mall nur noch nach intensivem Sicherheits-Check betreten werden kann (Spiegel unter Auto, Kofferraum öffnen, Metalldetektoren am Eingang, Taschenkontrolle etc.).
    Zugegeben, mir ist etwas mulmig zumute angesichts der nicht enden wollenden Bombenanschläge. Erst letzten Dienstag Abend wieder in Modasa, Gujarat und Malegaon, Maharashrta (5 Tote und viele Verletzte).
    Die Dance-Grounds mit Zehntausenden von Teilnehmern stellen ein ideales Ziel für diesen menschenverachtenden Terror dar. Die Sicherheitsvorkehrungen – welche bereits in den Vorjahren sehr hoch waren – wurden nochmals verstärkt. Soll mich das vom Tanzen abhalten? Nein, auch ich werde mich dem Terror nicht beugen. „No risk – no fun“.

    Klingt das jetzt fatalistisch, oder nach Gottvertrauen? Ich werde jedenfalls gleich mal meine diesjährige Spende an Ambaji (zu deren Ehren Navratri gefeiert wird) erhöhen. ;)
    In den ersten Tagen von Navratri habe ich jedoch nur die heimtückischen überraschenden Attacken von Number Two zu ertragen, welcher liebend gerne mit den Klimper-Glitzer-Blinker meiner Chaniya Cholis kämpft. XX(

    Navratri with Number Two

  • Bayerischer Pandal

    Untertitel: Bayerische Feiertage, Vol.2: „aufgestanden“ – Fronleichnam

    Jetzt war ich also durch die Wirrungen der indischen Bürokratie zu Pfingsten in Bayern gelandet. Und weil ich schon mal da war, konnte ich gleich noch einen weiteren Feiertag erleben.

    10 Tage nach Pfingsten ist immer Fronleichnam. Fragt mich nicht nach dem Sinn dieses Feiertages. Ich kann es nicht wirklich erklären. Hier kann man es genauer nachlesen.

    Fronleichnam hat jedoch schon seit meiner Kindheit eine besondere Bedeutung, weniger des Voodos des Glaubens wegen, sondern aufgrund einer alten Familientradition.

    In meiner Heimatgemeinde werden jedes Jahr vier Altäre aufgestellt. Bei einer feierlichen Prozession wird vom Pfarrer die Monstranz herumgetragen und an jedem Altar findet eine Ritual mit Darbietung der Monstranz, viel Weihrauch und allerhand Gebeten und Segnungen statt. Eine Art Pooja eben.

    Fronleichnamsprozession2

    Insgesamt gibt es acht Familien, welche solche Altäre rund um die Kirche im Innenstadtbereich aufstellen, jeweils 4 im zweijährigen Wechsel. Und meine Familie hat schon seit vielen Generationen ebenfalls die „Ehre“, einen solchen Altar aufzustellen. Dieses Jahr waren wir auch wieder dran. Und das bedeutet erst einmal viel Arbeit und Vorbereitung für die ganze Familie, die mit Begeisterung diese Tradition fortführt. Meist sind das vier Generationen. Meine Eltern, welche diese Aufgabe von meinen Großeltern übernommen haben. Meine Geschwister mit Angeheirateten. Meine Nichten mit Partnern, und selbst die ganz kleinen Großnichten kommen schon zum Blumensammeln mit.

    1 Woche vorher:
    - Birken zum Schmücken der Hauswände bestellen.
    - Vor-Ort-Besichtigung, um die Aufstellsituation zu prüfen.
    Ist alles noch so wie vor 2 Jahren, oder sind Anpassungen des Altargestells etc. erforderlich?
    5 Tage vorher:
    - Altarwäsche waschen
    - Alle Utensilien vom Dachboden oder aus dem Keller holen und auf Verwendbarkeit prüfen: Übertöpfe, Vasen, Altargestell, Unterleghölzer, Teppich, Stricke, Werkzeug, Nägel, Reiszwecken, Stricke, Baldachin, Monstranzbogen, Kerzenleuchter, Kerzen mit Windschutz etc. etc.
    4 Tage vorher:
    - Hortensien aus der Gärtnerei holen
    - Altarwäsche bügeln. Eine Strafarbeit, die jeder nachvollziehen kann, wer schon einmal altes dickes Leinen mit Spitzen gebügelt hat.
    3 Tage vorher:
    - Alle bekannten Wiesen und Waldlichtungen abfahren, um zu prüfen, welche Blumen blühen, die für den Blumenteppich und Altarschmuck gesammelt werden müssen.
    2 Tage vorher:
    - Fichtenzweige aus dem Wald holen
    - Schwarzbeer-Grün im Wald sammeln (Schwarzbeer=Heidelbeere)
    - Bei Nachbarn und Bekannten Blumen für das Schmücken des Altars erbetteln.
    1 Tag vorher:
    - Blumen für den Blumenteppich und Altarschmuck sammeln. Dazu treffen sich alle Schwestern, Nichten, Großnichten usw. und schwärmen mit Eimern auf die bekannten Wiesen, Wälder und Gärten aus.
    Leider hat dieses Jahr vieles nicht geblüht, was wir sonst verwenden: Margeriten, Lupinen, Pfingstrosen, Jasmin, Spyräen, Rosen, Rhododendron.
    So verwenden wir eben Goldregen, Schneeball, Akelei, Stiefmütterchen, Maiglöckchen, lila Flieder und rosa Wiesenblumen, welche wir „Zahnbürsten“ nennen.
    - Rasen mähen. Damit das Gras die richtige Länge zum Legen für den Blumenteppich hat, wurde es wenige Tage vorher schon einmal gemäht.
    - Monstranzbogen aus Schwarzbeergrün binden und mit weißen Blüten schmücken.
    - Hortensien in die Übertöpfe. Maiglöckchen in eine Vase, welche hinter dem Monstranzbogen stehen soll.
    - Einkauf für das traditionelle Frühstück.
    - Wecker auf den nächsten Morgen 3 Uhr stellen!!! XX(

    Tag 0:
    Wie immer wenn ich früh aufstehen muss, habe ich schlecht geschlafen. Aber schließlich bin ich noch vor dem Weckerklingeln aufgestanden. :yawn:

    Eine kurze Dusche und eine Tasse Kaffee müssen reichen, denn um 4 Uhr ist Treffen, um den Altar aufzubauen. Alle schauen noch etwas verschlafen drein, aber meine Mutter ist schon ganz wach und treibt uns an (wie jedes Mal). :|
    Wir tragen alles zum Aufstellort und ich bin etwas aufgeregt, ob denn das von mir neugebaute Altargestell halten wird und passt. Das alte war nämlich schon etwas wackelig und aus den Fugen geraten. Von meinem Großvater wurde es vor dem Krieg gebaut und war einfach nicht mehr zu verwenden. Und tatsächlich: Es bedurfte einiger zusätzlicher Schraubversuche und etliche Unterleghölzer, bis das Gestell auf dem leicht abschüssigen Untergrund zum stehen kam.

    Danach kommt das, was ich immer am meisten fürchte: Auf den Altartisch wird die Leiter gestellt, welche meine Schwester Hanne (Schwester Nr. 6) und ich von rechts und links besteigen. Dann wird freihändig das rote Tuch des Baldachins am Rückenteil festgenagelt, und anschließend mit Fichtenzweigen und weißen Strauchblüten geschmückt. Und das um 5 Uhr morgens! Hallo wach! 8|

    Nach diesem Adrenalinkick bin ich jedesmal froh, wenn ich mit leicht zittrigen Knien von der Leiter kann. Aber erst wenn noch das geschnitzte Kreuz und das Hintergrundbild angebracht wurden.

    Für das anschließende Fixieren der Altarwäsche in der richtigen Reihenfolge sind meine Schwestern Nr. 2 und 3 die Experten. Da halte ich mich besser raus. Meine Mutter ist bei diesem Gewerk immer besonders kritisch und übernimmt kurzfristig die Regie. Für das Altaraufstellen hat jeder in der Familie seine bestimmten Aufgaben, aber notfalls kann auch jeder die Aufgabe des anderen übernehmen. Es braucht viele Wege und Hände, um alle Utensilien und Blumeneimer heranzuschleppen. Manche schneiden die Fichten- und Fliederzweige zurecht. Andere pflücken die lila Fliederblüten. Eine stutzt da, die andere schmückt dort. Einer putzt nochmal den Teppich sauber. Andere kehren da noch die Reste der Abschnitte zusammen.

    Während der Arbeiten kommen immer mehr Blüten zum Dekorieren und der Duft von Flieder und Maiglöckchen macht mich ganz besoffen. :b Auf dem Markplatz herrscht schon in diesen frühen Morgenstunden viel Betriebsamkeit, da auch bei den anderen Altären viel zu tun ist.

    Nun kommt der Teil, auf den sich besonders die Kinder in der Familie freuen: Das Legen des Blumenteppichs. Da dieses Jahr wetterbedingt wenig Blüten verfügbar waren, haben wir als Motiv eine Monstranz gewählt (Goldregen, Kontur mit Schneeball, Edelsteine mit Akelei und Stiefmütterchen). Mit den Farben rosa (Zahnbürsten) und lila (Fliederblüten) wurde die Kontur des Teppichs gelegt.

    Und so sieht das nach knapp 4 Stunden Arbeit aus:
    Fronleichnamsaltar1

    Was die Inder an Ganpati können, das geht auch in Bayern: Das Aufstellen eines Pandals (Tempel, Altar). Aber unser Rangoli ist aus Blumen, nicht aus Sand. Statt Räucherstäbchen schwenken die Ministranten ihre Weihrauchfässchen. Nur wird hinterher kein Gottesabbild in den See geschmissen.

    Nach getaner Arbeit geht es zurück in Mutters Küche. Der Holzofen ist ordentlich geheizt, wie immer etwas übertrieben. Wir sind alle total ausgefroren nach der kalten Morgenarbeit, aber bei Temperaturen über 30 Grad geht das Aufwärmen schnell. Und jetzt bekommen wir ein tolles Frühstück, das meine jüngste Schwester Susi in der Zwischenzeit gezaubert hat. Wie immer ein Riesen-Geschnatter, wenn die Familie zusammenkommt. Für den Uneingeweihten bedarf das schon einiger Übung, um zu verstehen, dass nicht alle durcheinander reden, sondern sich eben in verschiedenen Gruppen gleichzeitig unterhalten. Und problemlos in das Gespräch der anderen zappen können, das man mit halbem Ohr immer mithört. Jahrelange Übung erzieht dabei zu Multitaskingfähigkeit. Das ist eben so in einer Großfamilie, und der „Newcomer“ Andy aus Norddeutschland (der neue Lebenspartner meiner Nichte) macht große Augen, gewöhnt sich aber schnell daran.

    Nach dem Frühstück schnell noch Umziehen. Die Messe ist gleich zu Ende und die Prozession beginnt. Da stellen wir uns alle neben dem Altar auf, machen fromme Gesichter :lalala: und warten auf den Priester und die Show. Voraus die Ministranten, dann die Vereine mit ihren Fahnen: Erst die Feuerwehr. Auch Burschenverein, Trachtenverein, Wasserwacht, Rotes Kreuz etc. etc. Nicht zu vergessen der Bürgermeister, geschmückt mit seiner Amtskette. Der Pfarrer unter einem Baldachin, von vier ehrenwerten Gemeindemitgliedern getragen (der Baldachin, nicht der Pfarrer). Davor der Kirchenchor. Wie das eben so ist in Bayern. :yes:

    Fronleichnamsprozession

    Die Kommunionkinder stellen sich neben dem Blumenteppich auf (Jungs rechts, Mädchen links), der Pfarrer bringt die Monstranz, stellt sie auf den Alter. Ministranten schwenken Weihrauchfässchen. Es wird gesungen, gebetet, gesegnet und was weiß ich noch. Der neue Pfarrer beeindruckt durch seinen Sprechgesang, der irgendwie an Hip-Hop erinnert. Nach 10 Minuten ist der Voodo vorbei. ;)

    Jetzt müssen wir aufpassen, denn die Geier kommen. Also diejenigen „Gläubigen“, welche unbedingt Birkenzweige links und rechst vom Altar haben wollen, um daraus kleine Kränze zu binden. Manche sind ganz verrückt danach, und wir schneiden daher die Zweige mit Gartenscheren ab. Einmal ist es nämlich schon passiert, dass durch wildes Rupfen eine Birke umgestürzt ist und in den Altar hineingefallen. Also passen wir jetzt auf.
    Die Kränze werden dann an Haus und Hof aufgehängt. Weil die nämlich vor Gewittern, Blitzschlag und wahrscheinlich noch vor vielen anderen Unglücken schützen. ;D Ihre Zauberkraft haben sie durch die Segnung der Fronleichnamsprozession erhalten. Aber direkt vom Alter wirken sie angeblich besser. Voodo – sag ich doch! :crazy:

    Und das war’s dann. Ratzfatz ist der Blumenteppich zusammengekehrt, der Altarschmuck entfernt und das Gestell wieder abgebaut. Das Grünzeug kommt zum Kompostplatz. Alles wird wieder an seinem Platz auf dem Dachboden, im Keller und Schuppen verstaut. Mit vielen Händen geht das schnell.

    Der Pfarrer trägt schließlich die Monstranz wieder in die Kirche. Erst nächstes Jahr darf sie wieder raus.

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